Ich wollte noch einen Schritt weitergehen

Ein Interview mit dem Mann hinter SYMPHONIACS: Andy Leomar

Wie und wann kam Ihnen die Idee für den „Classic meets Club Sound“ der Symphoniacs?
Es begann vor etwa drei Jahren. Ich bin ein klassisch ausgebildeter Pianist und Tonmeister, und nach meinem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien begann ich, Popmusik zu produzieren und Dance-Musik zu remixen. Ich dachte mir: Es wäre doch großartig, diese beiden streng voneinander getrennten Welten – die der Klassik und die der Dance-Musik – zusammenzuführen. Ich suchte nach Wegen, Klassik für ein jüngeres Publikum attraktiver zu gestalten und sie mit elektronischer Musik zu verbinden.

"Ich versuche, dieses raue Gefühl, das von Berlin ausgeht, in die Musik einzubringen."

Was haben Clubmusik und klassische Musik gemeinsam?
Beide werden von Emotionen bestimmt: Auf stille Momente folgen euphorische Höhepunkte. Lediglich die klanglichen Konstellationen unterscheiden sich. Die klassische Musik besitzt eine Tradition, die über Jahrhunderte gereift ist und die westliche Kultur sowie Identität geprägt hat. Fast alles, was heute in der Musik geschieht, basiert auf Fragmenten, die ihren Ursprung in der Klassik haben. Die elektronische Musik folgt im Grunde denselben Klangstrukturen, die bereits von Bach verwendet wurden. Ohne die klassische Musik wäre nicht nur die Existenz von Pop und Electro undenkbar, sondern auch die fast aller anderen musikalischen Genres.

"Jedes Stück stellt ein neues Experiment dar, und niemand weiß im Voraus, ob die Fusion gelingen wird oder nicht."

Wie sah der künstlerische Ansatz von SYMPHONIACS aus?
Klassische Musik wurde schon früher geremixt – gelegentlich legt jemand einen Beat unter das Stück, und das war’s dann auch schon so ziemlich. Ich wollte noch einen Schritt weitergehen; deshalb habe ich alle Stücke mit einem völlig neuen Ansatz für das Remixen eingespielt – auf eine Weise, die es elektronischen Loops ermöglichte, auf klassische Ausdrucksformen zu treffen. Ich liebe Electro- und Dance-Acts wie Daft Punk, und es interessierte mich, wie elektronische Samples oder fette Synth-Sounds über gezupften Saiten klingen würden. Dabei habe ich nicht nur mit den beiden Musikgenres experimentiert, sondern auch mit verschiedenen Möglichkeiten, neue akustische Klänge zu erzeugen und dabei ungewöhnliche Spieltechniken einzusetzen.
War es eine Mission, die klassische Musik am Leben zu erhalten?
Das war ein Teil davon. Ich wollte vor allem etwas schaffen, das noch niemand zuvor gehört hatte. Es gibt viele klassische Musiker, die so hart arbeiten, um dieses wahnsinnig hohe spielerische Niveau zu erreichen – doch Virtuosität ist in der heutigen Pop- und Dance-Musik nur noch selten anzutreffen. Es ist etwas Wunderbares, junge klassische Solisten mit etwas Neuem inspirieren zu können. Und durch diese Mischung aus elektronischen Klängen und Beats ergänzen wir die klassische Instrumentierung und führen sie in eine neue Dimension.
SYMPHONIACS ist ein globales Netzwerk junger Talente aus internationalen Städten: New York, Wien, Kopenhagen, Berlin usw. Welches waren die Kriterien für die Auswahl bei SYMPHONIACS?
Ich wollte das Beste. SYMPHONIACS sollte als ein Pool der talentiertesten und innovativsten Musiker aus der ganzen Welt betrachtet werden. Die Besetzung wechselt von Titel zu Titel, von Konzert zu Konzert. Das sorgt jedes Mal für eine neue Dynamik. Ich organisierte internationale Auditions und lud die besten Musiker nach Berlin ein.
War das Konzept der SYMPHONIACS schwierig zu vermitteln?
Nein. Die jungen Virtuosen fanden es von Anfang an spannend. Manche verfolgen eigene Solokarrieren, andere spielen in einigen der weltweit renommiertesten Orchester – daher genießen sie es in vollen Zügen, aus diesem Rahmen ausbrechen, rebellisch sein und etwas Neues ausprobieren zu können. Diese Musikergeneration ist weder langweilig noch „nerdig“, wie oft angenommen wird; und auf der Bühne vollzieht sich eine Verwandlung: Aus diesen klassischen Solisten kann plötzlich eine coole britische Band werden – nur dass sie statt Gitarren und Schlagzeug Geigen und Celli mitbringen.
Welchen Einfluss hatte ihre Heimatstadt Berlin auf die SYMPHONIACS?
Die Mischung aus Alt und Neu, aus Klassik und Club passt hervorragend zu dieser Stadt. Hier können beide Welten nebeneinander existieren, ohne sich gegenseitig zu stören. Es gibt hier nicht nur eine große Szene für elektronische Musik, sondern auch eine renommierte klassische Kultur. Ich versuche, dieses raue Gefühl, das von Berlin ausgeht, in die Musik einfließen zu lassen. Berlin ist offen und bildet – selbst heute noch – den Ausgangspunkt, von dem aus alles möglich ist.